Dierk Berthel - Skulptur + Sandro Vadim - Malerei

Die Wirklichkeit ist das, was wir sehen, ist das, was wir wissen, ist das, was wir glauben oder das, was wir fühlen, vielleicht das, was wir definieren. Die Wirklichkeit ist das, was uns als Wirklichkeit verkauft, angeboten, aufgezwungen wird. Die Wirklichkeit ist die aktuelle Illusion. Die Wirklichkeit ist keine Kunst. Kunst aber ist real. Wer kann sich in diesem Stangenwald von Statements noch durchschlängeln, ohne zu dem immer gleichen Ergebnis zu kommen: Die Wirklichkeit ist meine!

Magritte, der 1929 die Vorlage für den Titel dieses Essays gegeben hat mit seinem Wortbild "ceci n´est pas une pipe", hat die Malerei aus der Umklammerung der Wirklichkeit als ihrer Vorlage radikal befreit. In der Entwicklung kunsttheoretischer und praktischer Aus-einandersetzungen wurde aus einem "schändlichen" l´art pour l´art das hohe Lied der modernen Kunst.

 

Es ist heute schon eine Alltäglichkeit, abstrakter ungegenständlicher Kunst in allen Ausstellungen, an allen Orten, an denen Kunst präsentiert wird, zu begegnen. Einer Kunst, die nur für sich selbst stehen will und kann. Gerade diese Vielzahl und Vielfalt einer "emanzipierten" Kunst und eine intensive Auseinandersetzung mit ihr, drängt erneut die Frage auf: ist dieses Konzept jemals wirklich realisiert worden oder steht nicht jede Kunst am Ende doch für etwas anderes, das von außen in das Werk hineinwirkt?

 

Sind die Farbexplosionen von Sandro Vadim nicht seine Herzensangelegenheit, die sich in der künstlerischen Handlung auszudrücken weiß? Fühlt er nicht mit dem Bauch und malt mit dem Kopf?

In vielen Schichten werden Farben aufgetragen, die aufs Feinste gemischt und aufeinander abgestimmt sind. Lücken in den stark monochromen Flächen geben Durchblicke frei auf die unteren Farbschichten, die so in einer gefühlten Harmonie des Künstlers mit-einander in Balance zu schweben scheinen. Sandro Vadim geht m.E. dabei weit über Ittens Farbenlehre hinaus, welche in fast technischer Präzision die Flächenmaße der Farben angab, damit eine Balance erreicht werden könne. Sandro Vadim sucht alle nur erdenklichen Möglichkeiten einer Balance und der Verschiebung derselben durch feine Farbveränderungen. Am Ende steht eine unendliche Zahl von Möglichkeiten, Farbflächen zu entwickeln, die von einer ins Auge springenden Balance getragen werden. Die Studien des Künstlers konzentrieren sich auf die Handlung, die Aufbringung der Farben in Kommunikation mit seinen ureigensten Empfindungen und in Korrespondenz mit seinen gewonnenen Erkenntnissen in diesem Genre.

Sandro Vadim liebt seine Farben. Es ist die Faszination der Handlung, des Materials und der tiefen spirituellen Auseinandersetzung, die sich im Moment formuliert und entwickelt, aus der die künstlerische Arbeit von Sandro Vadim geschöpft wird.

 

Es mag nicht gleich auf den ersten Blick erkennbar sein, in welch kongenialer Art und Weise die bildhauerischen Arbeiten von Dierk Berthel die Bilder von Sandro Vadim ergänzen. Es ist fast so, als ob zwei Flügel eines Fensters geöffnet werden und den Blick frei geben auf ein gleichgeartetes Kunstverständnis.

 

Dierk Berthels Skulpturen sind "symbiotische, zweckfreie, der reinen Form verpflichtete skulpturale Gebilde" (Jan Polacek) aus Holz, Stein und Metall. Sie sind autonom und stehen bzw. liegen für sich. Sie existieren ohne Schmuckwerk und Design und faszinieren mit ihrer archaischen Kraft. Sie sind ihre eigene Wirklichkeit, aus der Auseinandersetzung des Künstlers Dierk Berthel mit seinen Träumen, seiner handwerklichen Perfektion, seiner Erfahrung und seinem Herzblut entstanden. Die gleiche tiefe Verwurzelung mit dem praktischen Tun als Ausdrucksmedium des geistigen Kosmos des Künstlers fesselt den Künstler Dierk Berthel an seine Arbeit, an seine Arbeiten, wie bei Sandro Vadim. Kunst, so zeigt uns diese Ausstellung, geschieht aus dem unbedingten Wollen zur schöpferischen Arbeit. Und nur dies trägt die individuelle Größe jedes Werkes.

 

Egon A. Stumpf

 

[Katalog]

 

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